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Eröffnung Legislatur 1999-2003: Ansprache der Alterspräsidentin Maria Styger

Sehr geehrte Damen und Herren
Es freut mich, die Legislatur 1999-2003 eröffnen zu dürfen. Selbstverständlich weiss ich, dass mir diese Ehre
nicht wegen meiner Person, sondern wegen meines Alters zukommt. Dennoch dürfte die heutige Eröffnung der
neuen Legislatur in dreierlei Hinsicht ungewöhnlich sein; üblicherweise handelt es sich beim Alterspräsidenten
nicht um ein neugewähltes, sondern um ein langjähriges Parlamentsmitglied. Auch einen weiblichen Altersprä-
sidenten dürfte dieser Rat noch nicht oft gesehen haben. Und es ist wohl auch nicht die Regel, dass der Alters-
präsident einer politischen Gruppierung angehört, welche das erste Mal zu den Kantonsratswahlen angetreten
ist.
Die Einrichtung, wonach die neue Legislatur durch das an Jahren älteste Ratsmitglied eröffnet wird, entspricht
einer langen parlamentarischen Tradition und ist Ausdruck von Respekt gegenüber Alter und Lebenserfahrung.
In einer Gesellschaft, in der die Entscheidungsträger im Wirtschaftsleben immer jünger werden, in der Arbeitneh-
mer ab dem fünfzigsten Altersjahr kaum mehr eine Chance haben, eine Stelle zu finden, und in der Zwangspen-
sionierungen von Angestellten mittlerweile auch in der Verwaltung durchgeführt werden, wird Achtung gegenüber
dem Alter zunehmend zum Fremdwort.
Der Mangel an Respekt gegenüber dem Alter zeigt sich für mich besonders schmerzlich in zwei Bereichen: in
der sogenannten „Aufarbeitung“ der geschichtlichen Ereignisse vor rund sechzig Jahren und in der steigenden
finanziellen Belastung der Senioren und Seniorinnen durch immer mehr Gebühren, Abgaben und Steuern. Ich
gehöre den stets weniger werdenden Vertretern der Generation an, welche den letzten Krieg im Erwachsenen-
alter erlebt hat. Ich kenne die Entbehrungen, mit denen die Bewachung der Grenze durch insgesamt 800’000
Soldaten (das waren 20 Prozent der Bevölkerung des damaligen 4 Millionen-Landes Schweiz) verbunden war.
Ich erlebte bewusst Anbauschlacht, Kriegsvorsorge und Wehranleihen. Ich weiss, was Rationierung der Lebens-
mittel und Kriegswirtschaft für die gewöhnliche Bevölkerung bedeuten. Das Wissen darum, dass sich das
Schweizervolk zwischen 1933 und 1945 als resistent gegenüber dem Nazigedankengut erwies, erfüllt mich mit
Stolz; bekanntlich brachten die Fröntler nur gerade einen einzigen Vertreter während vier Jahren in den National-
rat. Ich bin auch stolz darüber, dass während des Krieges für kürzere oder längere Zeit mehr als 290’000 offiziell
registrierte Flüchtlinge und Internierte auf dem schützenden Schweizerboden Zuflucht gefunden haben und dass
unser Land in jener Zeit 29’500 verfolgte Angehörige einer religiösen Minderheit aufgenommen hat, mehr als je-
des andere europäische Land, mehr als die damals an Einwohnern vierzigmal grösseren USA und mehr als die
typischen Immigrationsländer Kanada, Australien, Neuseeland und Südafrika zusammen. Ich bin davon überzeugt,
dass die damalige Schweiz trotz gemachten Fehlern Respekt, Hochachtung und Bewunderung für ihre Politik
verdient und dass das Schweizervolk die Verschonung vor Krieg und Besetzung, vor Tod, Hunger und Elend in
harter Arbeit, mit Entbehrungen, Durchhaltewillen und Standhaftigkeit errungen hat. Umso unverständlicher und
schmerzlicher für die noch lebenden Angehörigen der Aktivdienstgeneration sind die Angriffe von ausländischen
Organisationen und inländischen Historikern, Politikern und Journalisten gegen unser Land und die mutlose und
unbedarfte Art, mit der unsere Landesregierung und die Classe politique gegen die Vorwürfe selbstgerechter
Heuchler und Moralisten reagieren.
Ebenfalls als Ausdruck mangelnden Respekts gegenüber den Senioren empfinde ich die zunehmende Belastung
in finanzieller Hinsicht, die uns älteren Menschen mit immer höheren Gebühren, Prämien, Abgaben und Steuern
zugemutet wird. Was sollen wir Senioren und Seniorinnen von einem neuen Krankenkassengesetz halten, bei
dem die Bezahlung des Fitnessabonements und alter-native Behandlungsmethoden in die Versicherungsleistun-
gen integriert wurden, wenn dieses Gesetz, so wie es für meine Person gilt, eine annähernde Verdoppelung der
Krankenkassenprämien innert vier Jahren gebracht hat? Wer erklärt den alten Leuten die Notwendigkeit der Steu-
erharmonisierung, wenn diese Steuerharmonisierung dazu geführt hat, dass in unserem Kanton seit dem 1. Ja-
nuar Altersrenten zu 100 statt wie bisher zu 80 Prozent versteuert werden müssen? Wie soll meine in einem
öffentlichen Altersheim der Kantonshauptstadt wohnende Freundin Verständnis für die bereits dritte Erhöhung
der Gebühren und Pflegezuschläge innert vier Jahren haben, wenn die gleiche Stadt die Zahl der Gratiswohnun-
gen für Drogensüchtige und andere Randständige kürzlich auf 500 erhöht hat? Und, um ein letztes Beispiel zu
nennen: wer verargt den Senioren ihren Widerstand gegen den Abbau der Subventionen von Altersabonnementen
für Bus und Tram, wenn dieselbe öffent-liche Hand Hunderten von Asylbewerbern mit Steuergeldern für die glei-
chen Verkehrsmittel vollumfänglich die Monatsabonnemente finanziert?
Weshalb erzähle ich Ihnen dies alles, meine Damen und Herren? Weil ich davon überzeugt bin, dass viele von
Ihnen, die Sie bis auf wenige Ausnahmen noch im Erwerbsleben stehen und ein durchschnittliches Alter von viel-
leicht 50 Jahren aufweisen, sich wahrscheinlich nicht bewusst sind, wie gross der Leidensdruck ist, den viele äl-
tere Menschen angesichts der geschilderten Entwicklungen empfinden. Auch Sie, meine Damen und Herren,
werden diesen Leidensdruck dereinst zu spüren bekommen, wenn es nicht gelingt, das Steuer herumzureissen.
Deshalb möchte ich Sie, geschätzte Ratskolleginnen und -kollegen, aufrufen, sich bei Ihrem politischen Handeln
und Entscheiden vermehrt die Frage zu stellen, wie und in welcher Weise davon die älteren Mitbürger betroffen
sind. Unsere Gesellschaft braucht eine aktive Alterspolitik! Dabei ist es keineswegs ausreichend, wenn jetzt auch
andere Parteien mit Seniorenlisten in die Wahlen steigen.
Wenn ich eingangs meiner Ausführungen von ungewöhnlichen Aspekten dieser Eröffnungsrede gesprochen habe,
so mag dazu auch die eher politische Ausrichtung meiner Worte gehören. Den-jenigen, die mir dies verübeln,
möchte ich mit Schiller antworten: „Verzeihet mir die freie Tadelrede! Doch solche ist des weisern Alters Recht.“
Ich danke Ihnen, meine Damen und Herren, für Ihr aufmerksames und geduldiges Zuhören und wünsche Ihnen in
den kommenden vier Jahren Ihrer anspruchs- und verantwortungsvollen Tätigkeit als Mitglieder des Zürcher Kan-
tonsparlaments viel Freude und Zufriedenheit.

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