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Neuer Zoodirektor im Zürcher Zoo

Grüner Messias aus dem Norden

Der neue Direktor des Zoos Zürich ist ein Deutscher. Alle jubeln. Nur Hinterwäldler und Provinzler, heisst es, verweigern sich der kollektiven Andacht.

Das Medienecho zur Wahl des neuen Zürcher Zoodirektors fiel einhellig aus. Er spreche «frei und fliessend», wurde bewundernd rapportiert, habe einen «souveränen Auftritt» hingelegt und sei ein «begeisternder und überaus sympathischer Erzähler». Auch Severin Dressens «bescheidene und unaufgeregte Art» gefiel, und ja, der Deutsche benutze schon helvetische Wörter wie «lässig» oder «nüüt». Sein langes Haar trage er zu einem «Bürzi» gebunden, ein Wort, das er vielleicht noch nicht kenne, aber sicher auch bald lernen werde.

Der im 31. Altersjahr gewählte Zoodirektor Dressen war noch kaum geboren, als Vorgänger Alex Rübel dieses Amt antrat. Natürlich sind die Journalisten auch begeistert über das jugendliche Alter des Neuen. Und erst recht über sein „Herz für Aussenseiter“ – gemeint ist die Perlwachtel und der Nacktmull – oder seine «grosse Sorge um den Zustand der Natur». Im Originalton tönte das so: «So können wir auch zukünftig lokal und global unseren Beitrag zu einem besseren Verständnis der Natur und einem nachhaltigen Miteinander von Menschen, Tieren und Pflanzen leisten». Das sei angesichts des dramatischen Verlusts an Biodiversität und gravierender Umweltprobleme wichtiger denn je.

 

Aggressiv vereinnahmend

Dieses Bekenntnis zum grünen Zeitgeist verbindet Zürichs neuer Zoodirektor mit deutschem Selbstbewusstsein: „Ich bin gekommen, um zu bleiben“, verkündete er. Und betonte: „Ich führe Leute, seit ich 18 Jahre alt bin.“ Solche Sätze hätte man vom zurückhaltenden Zürcher Alex Rübel beim Amtsanritt wohl kaum vernommen, obwohl auch er es vom 15-jährigen Pfadfinderführer bis zum Zürcher Kantonalfeldmeister gebracht hat. Interessanterweise gehört der stellvertretende Direktor des Zoos Wuppertal nicht zu jenen Kandidaten, die Rübel selber als Nachfolger vorgeschlagen hatte. Jedenfalls lässt seine Aussage aufhorchen, er habe Dressen zuvor nicht gekannt, denn immerhin ist die Welt der führenden Köpfe der grossen Zoos einigermassen überblickbar.

Gut möglich, dass Severin Dresser ein guter, möglicherweise sogar ein sehr guter Zoodirektor wird. Trotzdem muss es erlaubt sein, nicht in die vorauseilenden Jubelchöre einzustimmen, die jetzt etwas gar zwanghaft, fast aggressiv vereinnahmend zu erklingen scheinen.

Nüchtern betrachtet, ist es bedauerlich, dass der Verwaltungsrat bei angeblich 140 Bewerbungen keinen Schweizer gefunden hat. Das kann nur zweierlei bedeuten. Man konnte entweder keinen geeigneten Nachfolger aufbauen, oder aber unsere Universitäten bilden zwar für Hunderte von Millionen Franken Zoologen, Biologen und Veterinäre aus, die nun aber von einem jungen Deutschen ohne nennenswerte Führungserfahrung locker ausgebremst wurden. Ist eine Schweizer Ausbildung nichts mehr wert?

Vielleicht ist Dressen ja wirklich der mit Abstand Beste, das unentdeckte Wundertalent aus dem Norden, das nicht einmal der abtretende Zoo-Chef kennt. Oder aber, ketzerische Frage, ist Dressen vor allem die Projektionsoberfläche eines Verwaltungsrats, der mit der Wahl eines Ausländers seine über jeden Zweifel erhabene Weltoffenheit demonstrieren möchte? Sozusagen die zoologische Überwindung des „Unbehagens im Kleinstaat“, der Ausbruch aus dem Getto schweizerischer Minderwertigkeitskomplexe, die man am besten dadurch therapiert, indem man wichtige Positionen nicht mit Schweizern besetzt, um sich ja nicht dem Vorwurf der Provinzialität auszuliefern.

 

Ein Hauch von Selbstverachtung

Sicher ist: Die Medien lieben es. Sie applaudieren, wenn die Credit Suisse einen Heilsbringer von der Elfenbeinküste verpflichtet. Sie finden es grossartig, wenn die Deutschen in Armeestärke in unsere Arbeitsmärkte einmarschieren, nur nicht in die eigenen. Im angestrengten Frohlocken über die Management-Messiasse aus dem Ausland schwingt nicht immer, aber oft ein Hauch von Selbstverachtung mit, die ihren Träger, wenn er sie dezent genug vermittelt, als Mensch von überlegener Bescheidenheit und Selbstkritikvermögen adelt.

Der mediale Schweizer Jubel über einen deutschen Direktor eines bekannten Schweizer Zoos erinnert an den Masochismus des Fussballfans, der in Ekstase gerät, wenn seine Nationalmannschaft verliert. Es gibt aber auch handfestere Gründe, warum ein Schweizer Zoo in schweizerische Hände gehört: Zoos sind zum Glück keine exotischen „Tier- und Völkerschauen“ mehr, sondern gesellschaftliche Brenn- und Treffpunkte von grosser emotionaler Kraft. Der Zoodirektor muss sein Publikum genau wie die gewachsenen örtlichen Befindlichkeiten und Empfindlichkeiten kennen. Der Zürcher Zoo ist ein einzigartiger Naturraum am Zürichberg und insofern auch ein Stück schweizerischer Heimat und Identität, für viele seit frühester Jugend. Es reicht nicht, wenn ein Zoodirektor alles versteht von Pavianen und Graupapageien, aber nichts oder nur wenig von den Menschen, die er mit seinen Tieren berühren möchte.

Der Zoodirektor ist als Botschafter, Orientierungshelfer, Händeschüttler, Sorgenonkel und Vermittler gegenüber der Öffentlichkeit dauerpräsent. Ist es mittlerweile eigentlich schon ein Verbrechen, wenn man als Zürcher das Schweizerdeutsche im eigenen Zoo als Lingua Franca dem Hochdeutschen vorzieht?

Noch wird der Zoo Zürich zu 73 Prozent privat getragen. Das Geldsammeln bei den hiesigen Konzernen, Unternehmen und finanzkräftigen Personen steht ganz weit oben im Pflichtenheft. Ex-Direktor Rübel war in Zürich verwurzelt und in der gutbürgerlichen Gesellschaft bestens vernetzt. Seiner Persönlichkeit verdankt der Zoo viele Millionen. Vielleicht schlägt der Neue im Neo-Hippielook mit Zöpfchen und Hosenklammern bei den Banken und Rotariern ja auch wie eine Bombe ein. Falls nicht, werden die Medien schreiben, Dressen sei nicht an sich selber gescheitert, sondern an der Fremdenfeindlichkeit der Schweizer.

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#zürcher bote
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Christoph Mörgeli
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