Die grosse Party der Gleichgültigkeit
Man immer häufiger über Haltung spricht, aber immer seltener über Verhalten

Echte Rücksicht zeigt sich dort, wo Menschen gemeinsam öffentliche Räume nutzen. Bild: SVP Kanton Zürich
Der Wunsch nach einer sauberen, lebenswerten und nachhaltigen Schweiz ist breit abgestützt. Die meisten Menschen gehen sorgsam mit ihrer Umgebung um. Sie werfen ihren Abfall nicht auf den Boden, nehmen Rücksicht und hinterlassen öffentliche Plätze so, wie sie sie selbst gerne antreffen würden.
Gerade deshalb irritieren Bilder wie jene vom Zürcher Letten des vergangenen Wochenendes viele Menschen. Nach einer grossen Party blieben entlang der Limmat Müllberge zurück, teilweise sogar direkt im Wasser. Natürlich entsteht bei Grossveranstaltungen Abfall. Das ist nichts Neues. Entscheidend ist aber der Umgang damit. Und genau dort zeigt sich zunehmend ein merkwürdiger Widerspruch unserer Zeit.
Noch nie wurde öffentlich so viel über Nachhaltigkeit, Sensibilität und gesellschaftliche Verantwortung gesprochen wie heute. Kaum ein Anlass kommt ohne Verhaltensregeln, Awareness-Konzepte oder moralische Appelle aus. Gleichzeitig scheint im Alltag oft genau jene Selbstverständlichkeit verloren zu gehen, die eine funktionierende Gesellschaft eigentlich zusammenhält: Verantwortung für das eigene Verhalten zu übernehmen.
Denn echte Rücksicht beginnt nicht bei sprachlichen Feinheiten oder Symbolen. Sie zeigt sich dort, wo Menschen gemeinsam öffentliche Räume nutzen. Wer seine Getränke, Verpackungen oder Zigaretten einfach liegen lässt, demonstriert vor allem eines: Die Verantwortung sollen andere übernehmen.
Besonders irritierend ist dabei eine gewisse Selbstverständlichkeit. Oft entsteht der Eindruck, Sauberkeit werde als Dienstleistung betrachtet, nicht mehr als gemeinsame Aufgabe. Irgendjemand wird den Abfall dann schon wegräumen. Irgendjemand bezahlt am Ende dafür.
Dabei lebt gerade die Schweiz davon, dass viele Dinge funktionieren, weil sich die Mehrheit an einfache Regeln hält – meist ganz ohne grosse Kampagnen oder moralische Belehrungen. Rücksicht, Ordnung und Verantwortungsbewusstsein entstanden hier lange nicht primär durch Vorschriften, sondern durch gesellschaftliche Selbstverständlichkeit. Vielleicht liegt genau darin ein grösseres Problem unserer Zeit: Dass man immer häufiger über Haltung spricht, aber immer seltener über Verhalten. Denn gesellschaftlicher Anstand zeigt sich nicht in Schlagworten, sondern im Verhalten jedes Einzelnen.