Ein Schiedsrichter jubelt nicht mit
Ein Schiedsrichter lebt von Vertrauen – und das hat er nur, wenn er neutral ist.

Sie ist die Voraussetzung dafür, überhaupt glaubwürdig vermitteln zu können. Quelle: Neutralitätsinitiative
Stellen Sie sich ein WM-Spiel vor, bei dem der Schiedsrichter mit dem Fan-Schal einer Mannschaft auf den Platz läuft. Vielleicht pfeift er korrekt. Aber glauben würde ihm niemand mehr. Denn ein Schiedsrichter lebt von Vertrauen – und das hat er nur, wenn er neutral ist.
Genau so ist es mit der Schweiz. Am 27. September stimmen wir über die Neutralitätsinitiative ab. Sie will die immerwährende und bewaffnete Neutralität der Schweiz in der Bundesverfassung verankern und klarstellen: Die Schweiz bleibt neutral. Nicht flexibel. Nicht nach Lust und Laune. Sondern glaubwürdig und verlässlich.
Unsere Neutralität ist ein politisches Erfolgsmodell. Sie schützt uns vor internationalen Konflikten, stärkt unsere Rolle als Vermittler und garantiert Sicherheit und Stabilität. Wie wertvoll sie ist, zeigte sich im Zweiten Weltkrieg. Damals wurde die Schweiz dank ihrer Neutralität zur Schutzmacht von Weltrang. Sie übernahm über 200 Schutzmachtmandate, verhandelte mit verschiedenen Staaten, schützte feindliche Staatsbürger, überwachte Kriegsgefangenenlager und half beim Austausch von Zivilisten. Das funktionierte nur, weil man der Schweiz vertraute. Die Schweiz wurde respektiert, weil sie nicht Teil fremder Machtblöcke war. Weil sie vermitteln konnte. Weil sie verlässlich blieb. Weil man wusste: Die Schweiz trägt keinen Fan-Schal einer anderen Nation. Heute wird diese Neutralität verwässert. Plötzlich soll sie «flexibel » sein. Je nach Konflikt, je nach Druck aus dem Ausland, je nach politischer Stimmung in Bern. Doch Neutralität nach Tagesform ist keine Neutralität. Sie ist eine politische Wetterfahne und brandgefährlich.
Denn wer anfängt, Neutralität politisch zurechtzubiegen, verliert genau das, was sie stark macht: Verlässlichkeit. Ein Schiedsrichter, der einmal mitjubelt, kann beim nächsten Foul noch so korrekt pfeifen – das Vertrauen ist weg. Gerade wer helfen und vermitteln will, darf nicht Partei sein. Neutralität ist keine Gleichgültigkeit. Sie ist die Voraussetzung dafür, überhaupt glaubwürdig vermitteln zu können. Denn ohne neutralen Schiedsrichter gibt es kein faires Spiel. Und ohne glaubwürdige Neutralität verliert die Schweiz ihre stärkste Karte.
Darum braucht es am 27. September ein klares JA zur Neutralitätsinitiative. Für eine Schweiz, die unabhängig bleibt, ihre Rolle kennt und auch in stürmischen Zeiten standhaft bleibt.