Wahlplakate als Konfliktfeld: Politischer Streit auf dünnem Eis
Im Vorfeld der Wahlen vom 8. März 2026 häufen sich Berichte über gezielte Angriffe auf Wahlplakate. Was früher als vereinzelter Vandalismus abgetan wurde, hat inzwischen eine neue Dimension erreicht.

Wer Plakate beschädigt oder entfernt, greift nicht nur Papier und Holz an, sondern das Recht auf freie politische Meinungsäusserung. Bild: zVg
Plakate werden nicht nur heruntergerissen oder beschmiert, sondern teils mit erheblichem Aufwand entfernt – mit Leitern, Werkzeugen und offenbar klarer Absicht. Beobachter sprechen von einer besorgniserregenden Entwicklung, die das demokratische Klima belastet.
Besonders problematisch ist, dass dabei immer häufiger auch Grenzen des privaten Eigentums überschritten werden. Plakate, die auf Privatgrundstücken oder an Gebäuden mit ausdrücklicher Genehmigung angebracht wurden, sind nicht mehr sicher. Betroffene berichten von nächtlichen Aktionen, bei denen Personen Grundstücke betreten, um Wahlwerbung zu zerstören. Hier geht es längst nicht mehr um spontane Unmutsbekundungen, sondern um geplante Eingriffe.
Demokratie lebt vom Ideenwettbewerb
Wahlplakate sind ein klassisches Mittel politischer Kommunikation. Sie sollen sichtbar sein, provozieren, überzeugen oder auch widersprechen. In einer pluralistischen Gesellschaft gehört es dazu, dass unterschiedliche Parteien im öffentlichen Raum um Aufmerksamkeit werben. Wer Plakate beschädigt oder entfernt, greift nicht nur Papier und Holz an, sondern das Recht auf freie politische Meinungsäusserung.
Auffällig ist zudem die Wahrnehmung mancher Betroffener, dass die Angriffe einseitig erfolgen. Sie sprechen von einer «Toleranz nur für bestimmte politische Lager» und fühlen sich in ihrer politischen Arbeit behindert. Ob diese Einschätzung statistisch haltbar ist, bleibt offen, doch das subjektive Empfinden von Ungleichbehandlung verstärkt die gesellschaftliche Polarisierung.
Rechtlich betrachtet handelt es sich bei der Beschädigung oder Entfernung von Wahlplakaten um Sachbeschädigung. Das gilt unabhängig davon, welche politische Richtung betroffen ist. Demokratie lebt vom Wettbewerb der Ideen, nicht vom Ausschalten unliebsamer Botschaften. Wer politische Inhalte ablehnt, hat das Recht auf Widerspruch, Diskussion und Gegenargument, nicht jedoch auf Zerstörung.
Wie widerstandsfähig ist unsere Demokratie?
Sicherheitsbehörden beobachten die Entwicklung mit Sorge. Neben dem materiellen Schaden geht es vor allem um das Signal, das solche Taten senden: Einschüchterung statt Debatte. Wenn politische Akteure befürchten müssen, dass ihre Präsenz im öffentlichen Raum systematisch sabotiert wird, leidet die Bereitschaft zur offenen Auseinandersetzung.
Die aktuellen Vorfälle werfen daher eine grundsätzliche Frage auf: Wie widerstandsfähig ist unsere demokratische Kultur? Meinungsfreiheit bedeutet nicht, dass man die Ansichten anderer teilen muss. Sie bedeutet jedoch, dass man ihre Existenz aushalten kann. Wer Demokratie ernst nimmt, verteidigt sie auch dann, wenn er mit dem politischen Gegner nicht einverstanden ist.
Wahlen sind der Ort, an dem politische Konflikte entschieden werden: mit Stimmzetteln, nicht mit Leitern und Spraydosen. Es liegt an allen Beteiligten, das Niveau der Auseinandersetzung wieder dorthin zu bringen, wo es hingehört: Was antworten Sie? Die Frage in die Debatte, nicht in die Zerstörung.