Wasser oder Cüpli?
Seit ich montags zum Frühstück Orangensaft statt Kaffee trinke, fühle ich mich viel vitaler und ertrage deshalb die Debatten im Kantonsrat deutlich besser als früher.

Das könnte allerdings auch am Wodka im Orangensaft liegen. Für einmal sehen das die Sozialdemokraten ähnlich. Sie benötigen die Stimmungsaufhellung jedoch für ihre eigenen Anlässe. Das kann man verstehen. Als ein Mitglied der SP in Zürich neulich ein Verbot von Gratis-Alkohol bei Veranstaltungen der Partei forderte, verging manchem Genossen die gute Laune. Hatten sie doch erst vor zwei Jahrzehnten den Namen Cüpli-Sozis erhalten. Diese Bezeichnung musste hart erkämpft werden.
Hundert Jahre hatte es gedauert, um endlich der Bezeichnung «Partei der Arbeiterklasse» zu entkommen, mit der die Linken sowieso schon lange nichts mehr zu tun hatten, weil Arbeit etwas für andere Leute ist. Und nun sollte alles wieder vorbei sein? Weg vom Cüpli, hin zur Arbeit? Nein, das durfte nicht sein. Der Antrag gegen den Alkohol wurde zur Erleichterung vieler Sozialdemokraten abgelehnt.
Sonst immer dabei, wenn die Menschen zu einem gesunden Leben erzogen werden sollen, war man sich selbst gegenüber ein bisschen milder gestimmt. Zudem ging es ja nur um den Gratis-Alkohol, und gratis sollte gemäss Linken sowieso alles im Leben sein. Stattdessen tat man schlussendlich das, was Linke immer tun, wenn sie etwas tun: eine Arbeitsgruppe bilden, um über die Sachlage zu diskutieren. Bei einem guten Glas Gratis-Wein vermutlich.
Eine andere angesäuselte Idee hatte ein Grossrat der Grünen im Kanton Waadt. Er forderte analog zum Strassenverkehr eine Promillegrenze für Parlamentarier, weil der Alkohol die Realitätswahrnehmung beeinträchtige. Seit wann müssen Grüne betrunken sein, um die Realität verzerrt zu sehen? Das wäre neu. Abgesehen davon weiss man im Welschland natürlich, dass vieles, was man über den Alkohol sagt, gar nicht stimmen kann. So heisst es ja, dass jedes Glas Wein das Leben um einen Tag verkürze. Würde das wirklich stimmen, wären die amtierenden Parlamentarier der Waadt allesamt bereits im Jahr 1785 gestorben.
In der Cafeteria des Zürcher Kantonsrates gibt es jedenfalls nur Kaffee und Tee. Der Kaffee ist ungeniessbar und das Teewasser so heiss, dass man sich den Mund daran verbrennt. Das würde mit einem sozialistischen Gratis-Cüpli nicht passieren!
Der nächste parlamentarische Vorstoss liegt also auf der Hand: Cüplis statt Kaffee für alle! Gratis natürlich. Das wäre auch dem politischen Miteinander zuträglich. Mit einem anständigen Alkoholpegel würden vielleicht auch die Linken und Grünen endlich einmal ein bisschen lustig. Prost!