Abgehobene Wirtschaftselite
Eine prosperierende Wirtschaft ist zentral für unseren Wohlstand.

Die Aussagen des Economiesuisse-Präsidenten zeigen, wie weit er sich von den Sorgen der einfachen Bevölkerung entfernt hat. Bild: zVg/Reto Brüesch
Es gab Zeiten, da war Economiesuisse ein mächtiger und einflussreicher Wirtschaftsverband. So mächtig, dass man den Economiesuisse- Präsidenten ehrfürchtig als «achten Bundesrat» bezeichnete. Diese Zeiten sind längst vorbei: Zwar mischt sich Economiesuisse nach wie vor routiniert in die politischen Geschäfte ein und die Medien rapportieren schön artig, was an der Hegibachstrasse beschlossen wurde. Volkes Stimme repräsentiert der Verband aber schon lange nicht mehr. Spätestens seit der Finanzkrise 2009 und der Zuwanderungs- und Europadebatte ist die Liebe zwischen der Bevölkerung und den EU-hörigen Wirtschaftsvertretern merklich abgekühlt.
Manchmal zeigt sich die Kluft zwischen «denen da oben» in den Chefetagen und dem einfachen Stimmbürger in feinen Nuancen: Vor einigen Tagen hat der abtretende Economiesuisse-Präsident Christoph Mäder ein Interview im «Tages-Anzeiger» gegeben. Auf die prekäre Wohnungssituation in den Städten angesprochen, meinte er lapidar, es gäbe «kein Grundrecht auf eine 5 ½-Zimmer-Wohnung im Seefeld für 1300 Franken Miete». Die Aussage ist im Prinzip nicht falsch, irritiert aber trotzdem: Für 1300 Franken kriegt man in der Stadt Zürich bestenfalls eine Einzimmerwohnung in einem Aussenquartier. 5 ½-Zimmer-Wohnungen im Seefeld starten bei 5000 bis 6000 Franken, Preis nach oben offen. Selbst für Angehörige der oberen Mittelschicht ist es mittlerweile fast unmöglich geworden, im angestammten Quartier eine vernünftige Wohnung zu einem halbwegs humanen Preis zu finden. Die Verdrängung ist real und Zürich wird den Topverdienern, den Expats und den gut vernetzten Sozialdemokraten mit Zugang zu günstigen städtischen Wohnungen überlassen.
Ich nehme dem Economiesuisse- Präsidenten seine Haltung nicht übel – es gibt tatsächlich kein Grundrecht, an einem bestimmten Ort zu wohnen, schon gar nicht in einem exklusiven Quartier wie dem Seefeld. Dass der Herr aber ernsthaft meint, es gäbe auf dem völlig überhitzten Zürcher Wohnungsmarkt so etwas wie 5½-Zimmer- Wohnungen für 1300 Franken, zeigt nur, wie weit er sich von den Sorgen der einfachen Bevölkerung entfernt hat. Er steht damit sinnbildlich für die Organisation, die er präsidiert: Was kümmern die Wirtschaftslobbyisten denn schon die unbezahlbaren Wohnungen, die verstopften Strassen oder all die anderen Alltagssorgen von Herrn und Frau Schweizer? Hauptsache, unsere Firmen haben freien Zugang zum EU-Binnenmarkt und unbegrenzten Zugriff auf möglichst günstige Arbeitnehmer aus dem EU-Raum.
Eine prosperierende Wirtschaft ist zentral für unseren Wohlstand. Gute Rahmenbedingungen gibt es aber nur, wenn die Stimmbevölkerung hinter der Wirtschaft steht. Man würde unseren Wirtschaftsverbänden und ihrem Führungspersonal daher dringend wieder etwas mehr Bodenständigkeit und Volksnähe wünschen.