Der Boden setzt die Grenze
Wir erinnern uns an den Abstimmungskampf zur Nachhaltigkeitsinitiative. Das wichtigste Argument der Gegner lautete: Eine feste Grenze bei 10 Millionen sei zu starr. Die Initiative wurde im Juni abgelehnt, die Platzfrage bleibt. Denn eine Grenze gibt es trotzdem. Setzen wir sie nicht selbst, setzt sie uns der Boden. Eine politische Grenze lässt Spielraum. Eine natürliche Grenze hingegen erreicht man, wenn es keinen Spielraum mehr gibt.

«Haupttreiber des Wachstums bleibt die Zuwanderung aus dem Ausland», so der Kanton. Bild: Kanton Zürich
Wie nah diese Grenze liegt, zeigt die Antwort des Regierungsrates auf eine Anfrage von EDU- und SVP-Kantonsräten (KR-Nr. 244/2026). 93 Prozent der Zürcher Bauzonen sind überbaut. Auf dem restlichen Bauland finden noch 100’000 Personen Platz. Weitere 200’000 Menschen könnten durch Verdichtung in bestehende Quartiere gepresst werden. Die gesamte Reserve reicht also für rund 300’000 zusätzliche Einwohner.
Wofür verbrauchen wir diesen Platz? Seit der vollen Personenfreizügigkeit 2007 waren rechnerisch über 90 Prozent aller neuen Wohnungen im Kanton nötig, nur um die Zuwanderer unterzubringen. Vor 2007 war es rund die Hälfte. In fünf Jahren reicht nicht einmal der gesamte Neubau. Unseren endlichen Boden verbauen wir also fast vollständig für die Zuwanderung.
Bis 2055 erwartet der Bund im mittleren Szenario 300’000 zusätzliche Einwohner, also genau so viele, wie Platz haben. Selbst die Stadt Zürich mit der grössten Reserve kommt damit nicht aus. Für das hohe Szenario reicht der Platz laut Regierung nicht. Schwarzmalerei ist das nicht: Die Zuwanderung hat bisher selbst die höchsten Annahmen des Bundes übertroffen. Im Jahr 2000 rechnete das höchste Szenario für heute mit 8 Millionen Einwohnern. Heute sind es über 9 Millionen. Wiederholt sich das, ist die Zürcher Reserve um das Jahr 2040 aufgebraucht.
Verdichten bis zur Schmerzgrenze
Schon die heutige Reserve von 300’000 Plätzen beruht auf massiver Verdichtung. Zwei Drittel davon entstehen nicht auf der grünen Wiese, sondern in unseren Wohnquartieren. Wer mehr Wachstum will, muss noch dichter bauen. Dazu will der Regierungsrat die Gemeinden bei den nächsten Zonenrevisionen auffordern. Gleichzeitig räumt er ein, dass Verdichtung schon heute zunehmend auf Widerstand stösst. Die Bevölkerung spürt, dass jede Aufzonung ein Stück Lebensqualität kostet. Wann ist genug?
Bremsen statt verbrauchen
Die Rezepte der anderen Parteien lösen das Problem nicht. FDP und Mitte setzen auf «bauen, bauen, bauen». Das schafft kurzfristig Wohnungen, bringt uns aber nur schneller an die Grenze. Die Linke setzt auf mehr staatliche Regulierung des Wohnungsmarkts. Das macht den knappen Boden nicht grösser, sondern verteuert ihn für die Allgemeinheit.
Die 10-Millionen-Grenze hätte das Wachstum entschleunigt. Sie hätte uns Zeit gegeben, mit Boden, Strassen, Schulen und Spitälern haushälterisch umzugehen. Stattdessen verscherbeln wir unsere Reserven im Eiltempo. Staus, volle Züge und steigende Mieten sind keine Zufälle. Sie sind die Vorboten einer Grenze, die wir nicht mehr selbst bestimmen. Die Obergrenze kommt trotzdem. Nicht an der Urne, sondern auf dem Bauplatz.