Die Natur stimmt leider nicht mit
Die Ernährungsinitiative ist ein Paradebeispiel politischer Namensgebung. Wer könnte schon gegen Ernährung sein? Oder gegen Sicherheit? Mit derselben Logik könnte man auch eine «Initiative für schönes Wetter» oder «Initiative gegen Montage» lancieren. Erst beim genaueren Lesen merkt man, dass zwischen einem wohlklingenden Titel und einer umsetzbaren Idee manchmal ein ganzer Alpenzug liegt.

Die Landwirtschaftspolitik sollte von den tatsächlichen Gegebenheiten unseres Landes ausgehen. Bild: Pixabay
Die Initiative verlangt, dass die Schweiz innert zehn Jahren einen Netto-Selbstversorgungsgrad von mindestens 70 Prozent erreicht. Gleichzeitig soll die Landwirtschaft stärker auf pflanzliche Lebensmittel ausgerichtet werden. Das klingt entschlossen. Das Problem ist nur: Entschlossenheit ersetzt keine natürlichen Voraussetzungen.
Die Idee ist ebenso einfach wie ambitioniert: Man schreibt ein Ziel in die Bundesverfassung – und die Natur wird sich schon danach richten. Dass Berge, Klima und Böden bei der Ausarbeitung der Initiative kein Stimmrecht hatten, ist dabei ein bedauerliches Detail.
Die Schweiz ist kein Gemüsebeet
Die Schweiz ist nun einmal kein riesiges Ackerland. Rund zwei Drittel der landwirtschaftlichen Nutzfläche bestehen aus Wiesen und Weiden. Dort wachsen weder Reis noch Linsen noch Kichererbsen, sondern Gras. Seit Jahrhunderten machen Wiederkäuer daraus Milch und Fleisch. Nicht deshalb, weil
Schweizer Bauern den Gemüseanbau verschlafen hätten oder weil sie sich hartnäckig gegen Kichererbsen wehren. Sondern weil unsere Landschaft genau diese Nutzung zulässt.
Die Ernährungsinitiative verfolgt einen anderen Ansatz. Offenbar besteht die Hoffnung, dass die Natur ihre bisherige Haltung nach einer erfolgreichen Volksabstimmung nochmals überdenkt.
Vielleicht werden steile Alpweiden künftig etwas flacher. Vielleicht wächst auf 1800 Metern plötzlich Soja. Vielleicht beschliesst das Klima, den Initianten zuliebe etwas kooperativer zu
werden.
Man weiss es nicht. Leider zeigt sich die Natur gegenüber Volksinitiativen traditionell wenig kompromissbereit.
Agrarpolitik statt Wunschdenken
Natürlich ist Versorgungssicherheit ein wichtiges Anliegen. Gerade die letzten Jahre haben gezeigt, wie verletzlich internationale Lieferketten sein können. Eine starke einheimische Landwirtschaft liegt deshalb im Interesse der ganzen Schweiz.
Genau deshalb sollte Landwirtschaftspolitik aber von den tatsächlichen Gegebenheiten unseres Landes ausgehen – und nicht von Wunschvorstellungen. Versorgungssicherheit entsteht nicht dadurch, dass man politische Ziele möglichst ehrgeizig formuliert. Versorgungssicherheit entsteht dort, wo Bauern jene Flächen nutzen können, die ihnen zur Verfügung stehen, und dort produzieren, wo Produktion überhaupt möglich ist.
Wer die Versorgungssicherheit stärken will, sollte deshalb mit den natürlichen Voraussetzungen der Schweiz arbeiten und nicht gegen sie.
Die Initiative formuliert ein ehrgeiziges Ziel. Wie dieses unter den tatsächlichen Bedingungen der Schweizer Landwirtschaft erreicht werden soll, bleibt dagegen erstaunlich offen. Das überrascht allerdings nicht. Es ist deutlich einfacher, eine Zahl in die Bundesverfassung zu schreiben, als sie auf einem Bauernhof Realität werden zu lassen.
Politik darf Ziele formulieren. Gute Politik kennt aber auch die Grenzen des politisch Machbaren. Die Bundesverfassung kann Grundrechte garantieren, den Staat organisieren und Leitplanken setzen – aber eines kann sie nicht: aus Alpweiden Gemüsefelder machen.
Darüber entscheidet bis heute die Natur. Und diese liest bekanntlich keine Bundesverfassung – sie stimmt auch nicht über Volksinitiativen ab.