Fortschritt darf nicht zum Zwang werden
Billette, Rechnungen, Bankgeschäfte und Behördengänge werden zunehmend ins Internet verlagert. Das kann vieles erleichtern. Problematisch wird es, wenn die digitale Möglichkeit zur einzigen Möglichkeit wird. Eine moderne Gesellschaft muss den technischen Fortschritt nutzen, ohne die Menschen zur Digitalisierung zu zwingen.

Digitale Angebote sind ein Gewinn, solange analoge Alternativen erhalten bleiben. Bild: Pexels/Andrew Neel
Ich bin 28 Jahre alt, besitze selbstverständlich ein Smartphone und erledige einen grossen Teil meines Alltags digital. Ich bezahle mit dem Mobiltelefon, kaufe Billette über eine App, buche Reisen im Internet und lasse mich von der digitalen Karte ans Ziel führen. Rechnungen auf Papier vermisse ich ebenso wenig wie das Anstehen am Bahnschalter. Die Digitalisierung hat vieles einfacher, schneller und bequemer gemacht.
Gerade deshalb geht es mir nicht darum, den technischen Fortschritt schlechtzureden. Dennoch stelle ich immer häufiger fest, dass aus einem praktischen Angebot beinahe unbemerkt ein Zwang geworden ist. Die digitale Lösung steht nicht mehr zusätzlich zur Verfügung, sondern ist der einzig vorgesehene Weg. Der Schalter verschwindet, die Telefonnummer führt durch endlose Auswahlmenüs und auf eine schriftliche Anfrage antwortet ein automatisiertes System.
Für alles eine weitere App
Besonders deutlich wird das bei ganz alltäglichen Dingen. Man steht vor einer Parkuhr und stellt fest, dass die Bezahlung am einfachsten – oder teilweise nur noch – über eine bestimmte App möglich ist. Dafür muss man sie zuerst herunterladen, ein Benutzerkonto eröffnen, die persönlichen Daten erfassen und ein Zahlungsmittel hinterlegen. Für einen Vorgang, der eigentlich wenige Sekunden dauern sollte, gibt man einem weiteren Anbieter Zugriff auf seine Daten.
Ähnlich geht es mir in Restaurants, in denen die Speisekarte nur noch über einen QR-Code verfügbar ist. Natürlich kann ich diesen problemlos scannen. Besonders angenehm finde ich es trotzdem nicht, zuerst das Mobiltelefon hervorholen und mich durch eine für den kleinen Bildschirm optimierte Karte klicken zu müssen. Ausgerechnet während eines gemeinsamen Essens, bei dem man das Smartphone auch einmal beiseitelegen möchte, wird man dazu aufgefordert, es wieder zur Hand zu nehmen.
Dann gibt es jene Situationen, in denen die Technik gerade nicht so funktioniert, wie sie sollte. Die Internetverbindung schlecht oder eine App verlangt genau in diesem Moment ein neues Passwort. Plötzlich wird aus der angeblichen Vereinfachung eine zusätzliche Hürde. Auch wer digital versiert ist, kennt den Moment, in dem man nicht an der eigentlichen Aufgabe, sondern an einem Login, einer Bestätigungsnachricht oder einer technischen Störung scheitert.
Es betrifft nicht nur ältere Menschen
Oft wird so getan, als sei dies allein ein Problem älterer Menschen, die mit der technischen Entwicklung nicht Schritt halten könnten. Das greift zu kurz. Wenn bereits jemand in meinem Alter gelegentlich von der Vielzahl an Apps, Benutzerkonten und Passwörtern genervt ist, kann man sich vorstellen, wie hoch die Hürden für Menschen sind, die weniger Erfahrung damit besitzen.
Aber auch jüngere Menschen können oder wollen nicht sämtliche Lebensbereiche über ein Mobiltelefon abwickeln. Manche möchten ihre persönlichen Daten nicht für jede alltägliche Handlung preisgeben. Andere besitzen bewusst kein ständig mit dem Internet verbundenes Gerät. Die freie Entscheidung gegen eine bestimmte Anwendung ist keine Rückständigkeit.
Niemand sollte erklären müssen, weshalb er bar bezahlen, ein Formular auf Papier einreichen oder mit einem Menschen statt mit einem Chatprogramm sprechen möchte. Wahlfreiheit bedeutet nicht nur, neue Möglichkeiten nutzen zu dürfen. Sie bedeutet ebenso, auf sie verzichten zu können.
Dabei geht es nicht darum, jeden Schalter und jedes Papierformular für alle Zeiten zu erhalten. Es ist verständlich, wenn Unternehmen und Verwaltungen ihre Abläufe vereinfachen und Kosten senken wollen. Effizienz darf jedoch nicht bloss dadurch entstehen, dass der Aufwand auf die Kundinnen und Kunden oder die Bevölkerung übertragen wird. Wer ohne App länger warten, mehr bezahlen oder kompliziertere Verfahren durchlaufen muss, besitzt keine echte Wahl mehr.
Öffentliche Leistungen müssen zugänglich bleiben
Eine besondere Verantwortung tragen der Staat und staatsnahe Betriebe. Wer Steuern bezahlt, auf den öffentlichen Verkehr angewiesen ist oder eine gesetzliche Pflicht erfüllen muss, kann nicht einfach zu einem anderen Anbieter wechseln. Staatliche Leistungen müssen deshalb für alle zugänglich bleiben. Ein Behördengang darf nicht daran scheitern, dass jemand kein digitales Benutzerkonto besitzt. Ein öffentliches Verkehrsmittel muss auch ohne Smartphone benutzbar sein. Und wichtige Informationen dürfen nicht nur über soziale Medien oder eine App verbreitet werden.
Gerade der Staat darf seine Bürger nicht zur Anschaffung bestimmter Geräte oder zur Nutzung privater Plattformen zwingen. Das gilt umso mehr, wenn sensible persönliche Daten betroffen sind. Die Digitalisierung der Verwaltung soll den Menschen dienen und nicht umgekehrt. Wo der digitale Weg freiwillig gewählt wird, ist er ein Gewinn. Wo er zur Voraussetzung für die Wahrnehmung von Rechten oder den Bezug grundlegender Leistungen wird, ist eine Grenze erreicht.
Analoge Zugänge sind zudem nicht nur eine soziale Frage, sondern auch eine der Sicherheit. Digitale Systeme können ausfallen, gehackt oder durch Strom- und Netzstörungen lahmgelegt werden. Je stärker eine Gesellschaft von wenigen technischen Systemen abhängig ist, desto verletzlicher wird sie. Papier, Bargeld und persönliche Anlaufstellen mögen weniger modern erscheinen. Im Ernstfall können gerade sie dafür sorgen, dass wesentliche Abläufe weiterhin funktionieren.
Freiheit braucht eine Wahlmöglichkeit
Die Politik sollte deshalb einen einfachen Grundsatz beachten: Bei grundlegenden öffentlichen Leistungen muss ein zumutbarer analoger Zugang bestehen bleiben. Dieser darf nicht absichtlich unattraktiv gemacht oder mit unverhältnismässigen Gebühren belegt werden. Behörden und staatsnahe Unternehmen sollten ausserdem eine erreichbare persönliche Anlaufstelle anbieten. Nicht zwingend in jedem Dorf und zu jeder Tageszeit – aber so, dass niemand faktisch ausgeschlossen wird.
Die Digitalisierung kann den Alltag erleichtern, Freiräume schaffen und unnötige Bürokratie beseitigen. Sie kann aber auch neue Abhängigkeiten schaffen. Deshalb braucht es weder Technikfeindlichkeit noch blinde Fortschrittsbegeisterung, sondern ein vernünftiges Mass.
Wie frei eine Gesellschaft ist, zeigt sich auch daran, ob sie unterschiedliche Lebensweisen zulässt. Wer sämtliche Wege in die digitale Welt verlegt, schliesst früher oder später Menschen aus. Eine freiheitliche Schweiz braucht deshalb beides: technischen Fortschritt und analoge Wege, die für alle offenbleiben.