Geschichte der Kirche war ein Publikumsmagnet
In Marthalen wird in diesem Jahr an den ersten Kirchenbau vor 900 Jahren erinnert. Dieser fiel in eine Zeit, in der sich auch im Weinland kleine Siedlungen zu kleinen Dörfern entwickelten und in den sich bildenden kleinen Dörfern Kirchen gebaut wurden.

Es gibt Modelle, wie die erste Kirche in Marthalen möglicherweise ausgesehen haben könnte. Bild: zVg
Am 16. Mai werden 900 Jahre vergangen sein, seit die erste Kirche in Marthalen geweiht wurde. Grund genug, um dieses spezielle Jubiläum zu feiern. Ein OK und die Ortskirchenkommission (OKK) Marthalen haben sich dieser Aufgabe angenommen und zu einem Vortrag vom Rheinauer Historiker Stephan Aregger über die bewegten Zeiten eingeladen. Diese Geschichte hat durchaus gestochen, wie die volle Kirche am 17. April zeigte. OK-Mitglied Hanspeter Maag zeigte sich dabei sehr erfreut, dass diese durchaus bewegte Geschichte, welche auch vieles über das Zusammenleben mit dem Kloster Rheinau aussagt, auf ein so grosses Interesse gestossen ist. «Das Kloster Rheinau und Marthalen standen immer in einem spannungsgeladenen Verhältnis zueinander», hielt Maag fest. In jener Zeitepoche zwischen 1050 und 1250 verzeichnete man auch im heutigen Zürcher Weinland ein beachtliches Bevölkerungswachstum, wie der Rheinauer Historiker Stephan Aregger im Rahmen eines Fachreferats über die Kirche in Marthalen kürzlich ausführte. Dies machte auch Rodungen nötig, um mehr Land für die Nahrungsmittelproduktion zu gewinnen. Zugleich sprach Aregger von einer Zeit, in der eine Vergetreidung, Verzelgung und Verdorfung erfolgte.
Marthalen, das bereits 858 als Schenkung an das Kloster Rheinau gelangte, lag dazumal im Zentrum einer grossen Grundherrschaft. Zur Zeit des Kirchenbaus gab es wohl ein bis zwei Fronhöfe mit den dazugehörenden Hufen. Der Herrenhof mit Salland wurde durch die Gutsherren mit dem eigenen Gesinde bewirtschaftet. Eine ausserhalb gelegene bäuerliche Wirtschaftseinheit wurde als Huf bezeichnet, die einerseits Arbeitsleistungen und andererseits Abgaben an den Herrenhof erbringen musste. «Könnte der Kirchenbau der Startschuss für eine hochmittelalterliche Ausbauphase sein?», hielt Aregger fragend fest.
Denn zum Zeitpunkt des Kirchenbaus vor 1100 waren Kirchen lokale Heiligtümer – auch ohne festes Einzugsgebiet. Pfarr- und abhängige Pfarrkirchen entstanden erst im 12. Jahrhundert, wobei diese durchaus auch eine lukrative Einkommensquelle für deren Besitzer waren. So flossen Schenkungen, Gebühren, Stiftungen oder Spenden zusammen mit dem Zehnt in die Kirche, wovon wiederum ein Teil dem Eigenkirchen- oder Patronatsherren abzuliefern war. Vor 1100 existierten im Umfeld von Rheinau erst drei Pfarrkirchen: in Stammheim, Berg a.I. und Andelfingen. Im Zeitraum des Marthaler Kirchenbaus gab es aber auch einen Streit um die Rheinauer Klostervogtei mit den Lenzburgern.
Standort und Grösse sind erst seit 50 Jahren belegt
Über den möglichen ersten Kirchenstandort gab es über Jahrhunderte hinweg verschiedene Mutmassungen. Basierend auf dem Zehntenplan aus dem Jahre 1745 wurde angenommen, dass die Kirche allenfalls in Niedermarthalen im «Kirchhof» gestanden hat. Gemäss Aregger wurden dort immer wieder Knochen gefunden, die auf einen möglichen Friedhof und somit Standort einer Kirche hindeuteten. Eine weitere These sprach für den Standort «Chilchbüel», wo auch der Flurname auf ein mögliches Gotteshaus schliessen liess. Hier zeigte sich aber rasch, dass es sich um Reben gehandelt hatte, welche der Kirche zinspflichtig waren. Doch erst vor 50 Jahren, vor den letzten grossen Umbauarbeiten, wurden um und in der Kirche umfassende archäologische Ausgrabungen vorgenommen. Diese brachten bezüglich des Standorts der ersten Kirche Klarheit. Es wurden im Innern der heutigen Kirche Teile der Fundamente und Grundmauern der ersten Kirche gefunden. Aregger sprach dabei von einer beachtlichen Grösse des ersten Gotteshauses in Marthalen. Das Schiff war 10 Meter breit und 16 Meter lang. Der östlich angebaute Chor hatte ein Ausmass von sechs mal sechs Meter.
Aregger verwies aber auch auf einige Besonderheiten. Im Zehntverzeichnis aus dem Jahre 1275 des Bistums Konstanz fehlt im Gegensatz zu Rheinau Marthalen. Zudem weiss man, dass 1296/98 eine Inkorporation der Bergkirche in das Kloster Rheinau erfolgte und danach Marthalen als Filiale der Bergkirche ernannt wurde.
Loskauf von Rheinau 1754
Trotz Reformation und geänderten Zeiten blieb Marthalen sehr eng mit dem Kloster Rheinau als Grundherr verbunden. Dieses bestimmte einerseits den jeweils reformierten Pfarrer und gleichzeitig war es gegenüber dem Kloster zins- und zehntenpflichtig. Doch die Marthaler Bevölkerung wurde gegenüber der klösterlichen Herrschaft immer aufmüpfiger und selbstbewusster. Gemäss Aregger sprach die Obrigkeit in Rheinau gar von den Blutsaugern in Marthalen. Dank eines sehr geschickt angegangenen Freikaufs konnte sich Marthalen 1754 endlich von der Klosterherrschaft lösen.
In der abschliessenden Fragerunde zeigte sich Stephan Aregger überzeugt, dass für den damaligen mehrjährigen Kirchenbau wahrscheinlich externe Spezialisten wie Baumeister beigezogen wurden, die Bevölkerung aber auch Fronarbeit leisten musste. Alten Urkunden zufolge weiss man, dass die Marthaler Bevölkerung dem Kloster als Grundzins und Zehnten 2000 Säcke Frucht und 10 000 Liter Wein abliefern musste. «Nach dem Freikauf vom Kloster wurden diese Abgaben bis 1770 aber beibehalten, um die Schuld des Freikaufs zu tilgen», sagte Aregger.